Abschied


Der 10.5.2007 war für mich der Tag, an dem meine Gefühle Achterbahn gefahren sind.
Nach 12 Jahren sollte das der letzte Tag in meiner geliebten Praxis sein.
Nein dort war es nicht einfach nur ein Job.
In den vielen Jahren bin ich wirklich zum lebenden Inventar geworden.
Kalle und Inge waren nicht Chef und Chefin,
sondern wir waren wie eine kleine Familie.
Wir haben Höhen und Tiefen durch gemacht,
viel gearbeitet, gelacht und manchmal auch geweint.
Immer alles mit der Gewissheit, dass sich einer auf den anderen bedingungslos verlassen kann.
Es herschte immer gute und fröhliche Stimmung,
die unsere Patienten als sehr angenehm empfunden haben.
Sie kämen gerne weil es bei uns immer so lustig und nett ist.
So etwas fände man heute kaum noch.
Ein schöneres Kompliment kann man für seine Arbeit nicht bekommen.
Tja wir waren ein echtes Dreamteam und aus diesem Team sollte ich nun ausscheiden?

Sicher ist es meine Entscheidung weil ich nach sechs Jahren Fernbeziehung nun endlich den Schritt nach Berlin wagen will.
Ich freue mich auf mein neues Leben aber wie heisst es so schön?
Jeder Abschied ist ein bisschen wie sterben.
Genau so habe ich mich gestern gefühlt. Seit fünf Uhr am Morgen war ich wach.
Der erste Gedanke, Sch... heute ist dein letzter Tag in der Praxis.
Mein Herz raste und die ersten Tränen kullerten.
Eigentlich hatte ich gehofft, dass ich mich in den fünf Wochen, seit der Kündigung, an den Gedanken gewöhne.
Aber je näher der Tag kam um so schlimmer wurde es für mich.

Mittags bin ich zur Praxis gefahren. Bei allem was ich tat war immer der Gedanke,
das machst du heute zum letzten Mal.
Am Nachmittag kam dann meine Mama zur Fußpflege.
Zum letzten Mal,
Sie hatte ein Abschiedsgeschenk für mich.
Ein Buch mit lauter guten Wünschen.
In das hatte sie auf der ersten Seite selber etwas wunderschönes geschrieben.
Etwas das nur eine Mama schreiben kann. *schnief*
Dazu eine kleine finanzielle Starthilfe.
Der Abschied war für Mama sehr schwer.
Sie hat schrecklich geweint und wollte mich am liebsten nicht mehr los lassen.
Ich habe mich bemüht nicht zu weinen, denn dadurch wäre es für sie noch schwerer geworden.
Als sie weg war hab ich mich aber erst mal ausgeheult.

Danach hatte ich dann zum letzen Mal eine Fußpflegepatientin.
Seltsames Gefühl, nie mehr Fußpflege?
Eigentlich unvorstellbar, denn das war in den letzten zwölf Jahren mein Leben.
Ich habe es immer gerne gemacht und nun nie wieder?
Begreifen kann ich es nicht.
Dazu braucht es sicher noch einige Tage.

Zum letzten Mal die Kaffemaschine füllen und programieren.
Damit der erste Kaffe gleich morgens fertig ist.
Zum letzten Mal die Waschmaschine beladen und die Wäsche aus dem Trockner auffalten und in die Schränke packen.
Zum letzten Mal ans Telefon und sagen
"Praxis Schröder, Bosse Guten Tag"
Zum letzten Mal,
"Tschüß, ich wünsche ihnen einen schönen Feierabend"

Ich kanns nicht glauben und nicht begreifen und ...
NEIN ICH WILL NICHT GEHEN!!!

Genau das darf ich auch nicht.
Ich werde in die Küche auf einen Stuhl gesetzt.
Dort darf ich mich nicht weg bewegen.
Alle Kolleginnen sind da.
Auch die, die gestern nicht arbeiten mussten.
Ich höre emsiges Geräume und Getuschel aus der Praxis.
Mir ist schlecht und mein Magen krampft sich zusammen.
Sektflaschen werden aus dem Kühlschrank geholt und nach vorne gebracht.
NEIN ICH WILL NICHT GEHEN!!!

Dann ist es endlich soweit.
Ich soll nach vorne kommen.
Mir zittern die Knie.
In der ganzen Praxis brennen Kerzen.
Auf dem Tisch stehen gefüllte Sektgläser
und es ist zum Heulen schön.
Mein Kalle hält eine Lobrede auf mich
wie sie schöner nicht hätte sein können.
Schon bei den ersten Worten löst sich bei mir,
die mühsam aufrecht gehalten Beherrschung,
in ein Tränenmeer auf.
NEIN ICH WILL NICHT GEHEN!!!

Dann das erste Geschenk.
Angekündigt mit, etwas zum Sehen.
Ein tolles, gerahmtes, großes Foto vom ganzen Team.
Damit ich sie mit nach Berlin nehmen kann.
NEIN ICH WILL NICHT GEHEN!!!

Die Tränen wollen nicht versiegen.
Dann das zweite Geschenk.
Etwas zum Fühlen.
Eine wunderschöne Halskette,
mit türkisfarbigen Steinen,
die ich so sehr liebe.
NEIN ICH WILL NICHT GEHEN!!!

Mittlerweile heulen fast alle.
Dann das dritte Geschenk.
Etwas zum Riechen.
Ein Vernebler für Duftöl. Dazu eine Flasche Lemongras-Öl.
Dieser Duft hat mich die letzten Jahre jeden Tag begleitet.
Der gehört zur Praxis und riecht einfach nach Schröders.;-)
NEIN ICH WILL NICHT GEHEN!!!

Dann das vierte Geschenk.
Etwas zum Hören.
WOW WOW WOW
Eine Reise für zwei Personen.
Zwei Tage Hamburg mit Hotel
und Eintrittskarten für das Musical Dirty Dancing.
Mit den Worten,
"weil du dieses Jahr keinen Urlaub machen kannst,
sollst du wenigstens ein schönes Wochenende haben."
Ich kann nicht mehr und heul mich tod.
NEIN ICH WILL NICHT GEHEN!!!

Damit ich die ganzen Sachen transportieren kann, bekomme ich noch eine große Tasche.
Meine Süßen denken halt an alles.
NEIN ICH WILL NICHT GEHEN!!!

Zwischendurch hatte ich so viel Sekt getrunken,
dass ich schon richtig blau war.
Jede Kollegin hatte noch ein kleines Geschenk für mich.
An jedem war eine Karte mit persönlichen Wünschen.
Es war herzergeifend.
NEIN ICH WILL NICHT GEHEN!!!

Aber wir wären nicht die Schrödis
wenn aus dem Geheule nicht irgendwann wieder schallendes Gelächter würde.
Unsere Kosmetikerin übergab mir ihr Geschenk.
Ein passend zu dem Teamfoto gerahmtes Bild.
Auf dem bin ich mit Gesichtsmaske zu sehen.
Es sieht zum quieken blöde aus und wir haben Tränen gelacht.
NEIN ICH WILL NICHT GEHEN!!!

Dann hat mein Kalle mich in den Arm genommen und ganz feste gedrückt
Jetzt war es auch bei ihm mit der Beherrschung vorbei.
Er hat geweint und mir viele liebe Worte gesagt.
Ich kann ihn doch nicht alleine lassen.
Wie soll das ohne mich weiter gehen?
NEIN ICH WILL NICHT GEHEN!!!

Plötzlich gingen zwei meiner Kolleginnen.
Sie kämen gleich wieder.
Nach einer ganzen Weile tauchten sie wieder auf.
Wieder geheimnisvolles Getue.
Dieses Mal kamen die Geräusche aus der Küche.
Dann wurde orientalische Musik angemacht.
Unsere Maki kam und hat für mich einen Bauchtanz gemacht.
Ich hab versucht mit zu tanzen.
Weil ich selber viele Jahre Bauchtanz gemacht habe.
Aber der Sekt hatte seine Wirkung getan und meine Beine gehorchten mir nicht mehr.
Es war toll und wir hatten viel Spaß.
Und trotzdem...
NEIN ICH WILL NICHT GEHEN!!!

Tja und dann war es endgültig soweit.
ICH MUSS GEHEN!!!
Alle noch einmal feste gedrückt und dann nix wie weg.
Bevor die Heulerei wieder los geht.


Ich hätte mir keinen schönen Abschied vorstellen können.
Auf diesem Wege und in aller Öffentlichkeit
möchte ich mich herzlich bei "meinem Dreamteam"bedanken.
Ich werde euch niemals vergessen. Ihr seid ganz fest in meinem Herzen.
Und nicht vergessen...
WIR SIND DIE BESTEN!!!
Und damit...
Uky ist raus und hat euch alle ganz dolle lieb.

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©Ulrike Bosse